|

Als erstes möchte ich sagen, dass es für mich eine
sehr große Ehre ist Swamiji Balendu im Mai 2001 zum
erstenmal getroffen zu haben. Darüber hinaus aber
ist es für meine ganze Familie eine besondere Freude
ihm und seiner Familie in Liebe und Freundschaft
verbunden zu sein.
Zweitens sollte ich erwähnen, dass die näheren
Umstände, die mit unserem "ersten Date" am
Sonntagabend, den 27 Mai 2001 auf dem Flug von
Hamburg nach Palma de Mallorca verbunden sind so
außergewöhnlich waren, dass ich mich dazu
entschlossen habe, später noch in einem Buch
hierüber und über das was sich in den folgenden
Jahren ereignete, in denen wir uns regelmäßig
begegnet sind weiterführend zu berichten.
Zunächst beschränke ich mich deshalb auf unser
"erstes Date".
Um die Zusammenhänge hier ein wenig leichter
verständlich zu machen, ist es hilfreich in Betracht
zu ziehen, dass unser "erstes Zusammentreffen"
eigentlich schon viel früher begann, nämlich am 24.
Dezember 2000. Nur wusste ich zu diesem Zeitpunkt
natürlich noch nichts davon.
Am 24. Dezember 2000 erhielt ich von meinem Freund
und Kollegen Bernd Dieterichs, mit dem ich vor etwa
20 Jahren in der Diana- Klinik in Bad Bevensen
zusammengearbeitet hatte, unerwartet Post. Genauer
gesagt eine Postkarte, mit welcher er mir Frohe
Weihnachten und ein wesentliches 2001 wünscht.
Auf dieser Karte abgebildet umarmen sich herzlich
zwei indische Gottheiten, die ich zunächst nicht
erkannte. Denn obwohl ich schon früher oft durch
Indien gereist war, hatte ich mich bisher nicht
tiefer gehend mit der indischen Religion auseinander
gesetzt.
Diese Postkarte bewahrte ich auf und sah sie
gelegentlich an.
Kurz vor Pfingsten 2001 war dann meine Frau Andrea
mit einigen Freundinnen nach Mallorca geflogen. Wir
hatten abgesprochen, dass ich mit Ravael, dem
jüngeren Sohn, eine Woche später nachkommen solle.
Die Vorfreude auf die Reise war dieses mal besonders
groß. Ich fühlte mich leicht, fröhlich,
erwartungsvoll und besonders offen. Entsprechend
kleidete ich mich am Abflugtag, zog eine weiße Jeans
an und ein orangenfarbenes Hemd – "Das Leben ist
einfach schön!"
Nachdem wir im Flughafengebäude in Hamburg unser
Gepäck abgegeben hatten, saßen Ravael und ich
gemütlich und entspannt auf einer kleinen Bank in
der riesigen Schalterhalle des damaligen Terminal 4
und beobachteten die anderen Menschen beim
Einschecken.
Im Trubel der Menschen erblickte ich plötzlich einen
in wallende weiße Gewänder umhüllten jüngeren Mann
mit schwarzen längeren Haaren und entsprechendem
Bart. Ich beobachtete ihn, wie er fasst sanft und
erhaben zwischen den vielen Menschen durch die Halle
wandelte. In mir spürte ich unmittelbar ein Gefühl
von Freude und eine innere Ruhe stellte sich dabei
ein, wie ich es sonst vom Meditieren kannte. Ich
stieß meinen Sohn an den Arm und sagte zu ihm: „
Schau mal Ravael, so geht ein König.“
Nach dem wir ihn aus den Augen verloren hatten,
machten wir uns auf den Weg durch die Kontrollen, um
zum Abfluggate des Fluges nach Palma zu gelangen.
Ich kaufte noch ein Parfüm für Andrea und ein Eau de
Toilette für mich, und da ich so gut gelaunt war,
auch gleich noch einen Doppelpack „Veuve Clicquot“,
vorzüglichen französischen Champagner.
Auf den Bänken, die sich um das Bording-Gate herum
befinden, nahmen Ravael und ich dann wieder Platz
und warteten auf den Aufruf des Fluges. Und während
wir so in den wunderschönen Maiabend hinein träumten
und die landenden und startenden Flugzeuge
beobachteten, fühlte ich auf einmal wieder diese
tiefe Ruhe und Stille in mir wie zuvor. Ich blickte
umher, und da sah ich erneut diesen Mann in seinem
erhabenen Gang. Faszinierend!
Der fliegt auch nach Mallorca, freute ich mich.
Das er aus Indien kommen müsse war mir da irgendwie
klar.
Der Flieger sollte gegen 21:15 abfliegen. Ravael war
damals 5 Jahre alt und ich war mir sicher, dass er
recht bald nach dem Start einschlafen würde. Also
würde sich sicher eine Gelegenheit ergeben, diesen
interessanten Mann während des gut zweistündigen
Fluges anzusprechen.
Das Flugzeug war nur gut zur Hälfte voller
Passagiere, und so hatten Ravael und ich eine ganze
Bankreihe für uns selbst. Klasse! Den Inder, den ich
ja unbedingt noch kennen lernen wollte, sah ich
einige Reihen vor uns im hinteren Teil des
Flugzeuges Platznehmen.
Wenn der nachdem Abendessen noch mal auf die
Toilette geht, spreche ich ihn an, nahm ich mir fest
vor.
Wie vermutet schlief Ravael nach dem Essen schnell
ein, und es dauerte auch nicht lange bis meine
zweite Vermutung zutraf. Der Inder verschwand im
hinteren Teil des Flugzeuges im Waschraum. Nun
musste ich nur noch aufpassen bis er zurückkommen
würde.
Als er dann kurze Zeit später an meiner Bankreihe
vorbeikam, rief ich ihm zu:
„Hallo Swami!“
- vielleicht einen Tick zu energisch und fordernd,
dachte ich bei mir. Aber er hielt an, drehte seinen
Kopf in meine Richtung und lachte mich an.
Nachdem er einen Schritt zurück gemacht hatte und
mich immer noch anlächelte fragte ich ihn:
“Where you go to?“
„I fly Mallorca“, antwortete er mir.
- was für eine intelligente Frage von mir, dachte
ich innerlich. Wohin soll er denn wohl fliegen, wenn
wir beide im selben Flugzeug nach Mallorca sitzen.
„What you do Mallorca“ fragte ich neugierig weiter
„ I do preaching and meditation“ war seine Antwort.
- in meinem Inneren hörte ich plötzlich klar und
deutlich eine Melodie aus einem alten Hit der
70-ziger Jahre, den ich als Jugendlicher sehr gerne
mochte und „The Preacher Man“ hieß.
„Wonderfull“ sagte ich, während ich ihm Platz machte
und einen Sitz weiter nach rechts rückte.
„ I also do meditation.“
- insgeheim hoffte ich, mal mit ihm zusammen
meditieren zu können. Er nahm neben mir Platz.
„Where you live Mallorca?“, war das nächste, was ich
gerne wissen wollte.
„ I don`t know, - I have Telephone-number.“
“Wow!”, kam bewundernd aus mir heraus.
- Da hab’ ich einen richtigen Freak getroffen!
Fliegt einfach nach Mallo und weiß nicht einmal wo
er schläft. Das ist noch ein richtiges Abenteuer!
Er erzählte mir dann, dass er aus Vindraban komme,
nicht weit von Agra entfernt.
- Vindraban?, Vindraban ?, hatte ich noch nie
gehört. Bisschen peinlich, dachte ich, warst schon
tausendmal in Indien und kennst diesen heiligenOrt
nicht mal vom Namen. Aber in der Nähe von Agra, wo
das Taj Mahal ist. Das kennt ja jeder. Also hatte
ich eine grobe Orientierung, wo er herkam und war
wieder mit mir selber versöhnt.
Nun wollte ich aber doch endlich wissen, wie er denn
heißt:
„What’s your name“, fragte ich gerade heraus.
„ My name is Goswami Balendu“
- und das sprach er so weich und sanft aus, fast wie
eine wunderschöne Melodie. Allerdings verstand ich
nur Swami Balendu und glaubte nun einen Sanyassin
von Osho neben mir sitzen zu haben. Ich begann mich
noch mehr zu freuen, da ich selber ein Sanyassin bin
und auf meinen Reisen früher oft im Ashram in Pune
war.
Aber es stellte sich schnell heraus, dass ich mich
nur verhört hatte. Sein Familienname war Goswami und
sein Vorname Balendu. Nun wollte ich aber dennoch
wissen, welche Bedeutung der Name Balendu habe und
fragte ihn danach:
„What does it mean, Balendu ?“
und er antwortete:
“That means ‘Little Moon’ .“
Ich war verliebt! Es traf mich wie ein Pfeil ins
Herz.
Kleiner Mond, kleiner Mond, ich weiß nicht mehr wie
oft ich es innerlich wiederholte. Ich weiß nur, dass
ich auf der Stelle verliebt war.
Wir unterhielten uns dann noch eine Weile, und er
fragte mich, was ich mache und wie ich lebe. Dabei
verging die Zeit so schnell, dass ich erst dadurch,
dass Ravael wieder aufwachte, bemerkte, dass der
Landeanflug nach Palma bereits begonnen hatte.
Bevor wir uns verabschiedeten, gab Swamiji mir noch
eine Telefonnummer:
„You can telephone tomorrow“, schmunzelte er mir zu.
Was für ein Start in den Urlaub!
Eine gute halbe Stunde lang später schob ich mit
meinem Gepäckwagen voran und Ravael an der Hand in
Richtung Ausgang des Flughafens Palma de Mallorca.
Den Swamiji hatte ich nicht mehr gesehen. Vielleicht
reist er nur mit Handgepäck, dachte ich und freute
mich jetzt auf das Wiedersehen mit meiner Frau
Andrea, die sicher schon
aufgeregt hinter der Absperrung beim Ausgang auf uns
wartete.
Von weitem konnte ich sie schon erkennen und lachte
ihr entgegen. Ravael ließ meine Hand los, rannte auf
seine Mutter zu und sprang ihr in die Arme. Diese
intensive Begrüßungsfreude an Flughäfen ist etwas
Wunderschönes!
Zu dritt marschierten wir fröhlich hinaus in die
warme Nacht, die Palmenallee entlang, die das
Hauptgebäude des Flughafens mit dem Parkhaus
verbindet. Gerade wollte ich Andrea von meiner
ersten Begegnung mit Balendu im Flugzeug erzählen,
als sie zu mir sagte, dass sie am Ausgang vorhin,
als sie noch auf uns wartete, einen Inder in hellen
Gewändern gesehen habe und bei sich dachte ‚Den
kennt Michael bestimmt schon aus dem Flugzeug ’.
Das nennt man weibliche Intuition!
Am Montag überlegte ich den ganzen Tag über, wo
Balendu auf der Insel wohl untergekommen sein könne?
Irgendwo mitten im Landesinneren, oder vielleicht an
der Küste zwischen Deia und Soller? Bestimmt in
einer abgelegenen Finca, still, romantisch,
idyllisch, stellte ich mir vor.
Im Flugzeug hatte ich ihn schon danach gefragt, aber
er hatte wirklich keine Ahnung, wo er landen würde.
„ I have invitation“, stellte er nur fest, und das
schien ihm an Informationen über seine Gastgeber und
deren Aufenthaltsort auf Mallorca zu genügen.
Ich war bester Laune und wollte ihn auf jeden Fall
am späten Montagnachmittag anrufen.
Wir selber hatten eine kleine Wohnung in Sometimes
an der Plaja de Palma gemietet, wo wir schon
mehrmals gewohnt hatten. Nicht weit zum Strand und
nah bei Palma, sodass wir schnell mal in die Stadt
fahren konnten.
Schona m frühen Nachmittag griff ich dann endlich
zum Handy und wählte die Telefonnummer, die ich mir
auf einem kleinen Zettel aufgeschrieben hatte. Eine
andere Männerstimme als erwartet meldete sich
zunächst, und ich erkannte an der Aussprache, dass
es sich um einen Inder handeln könne. Ich fragte ihn
nach Swamiji Balendu.
„Moment, please“, kam von der anderen Seite.
Es dauerte nicht lange, dann hörte ich durch das
Handy dieses süße lang gezogene: „Yes,
Helloooouuuu“.
„Where you are now?“, fragte ich Balendu.
Er legte den Telefonhörer bei Seite. Ich konnte
durch die Muschel hören, wie er auf Hindi etwas
durch den Raum rief.
Vermutlich fragt er jetzt zum erstenmal selber
danach, wo auf der Insel er eigentlich ist, dachte
ich mir schmunzelnd. Dann hörte ich ihn zu mir
sagen:
„ I live Schinkenstraße“
„Where you live?“ fragte ich ihn erneut, voller
Erstaunen.
Hatte ich das richtig verstanden? Ich fing innerlich
an laut über mich zu lachen. Ein Guru in der
Schinkenstraße! Direkt mitten drin beim Ballermann
auf Mallorca.
Balendu wiederholte:
„Schinkenstraße“
Ich hatte mich nicht verhört. Er war tatsächlich in
der Schinkenstraße beim Ballermann gelandet. Der
Krach der vielen Menschen und die laute Musik , die
dort die ganze Nacht lang überall herrschen klang in
der Vorstellung schon in meinen Ohren. Ein
fantastischer Gegensatz zu der tiefen Stille, die
Balendu sonst umgibt, fiel mir dazu spontan ein.
„ You can come here 6 o’clock“ , lud Balendu mich
ein.
“ I give Darshan” , verstand ich dann noch und
antwortete ihm:
„ I will come“.
Kaum war das Gespräch beendet fing ich auch schon an
zu tanzen, und eine ungeheuere, lebendige Freude
erfasste mich und belebte meinen Körper. Ich rief
Andrea zu und fragte sie, ob sie mit Ravael
mitkommen wolle, aber sie meinte, dass ich erstmal
alleine gehen solle und dann ja berichten könne.
Von unserer Wohngegend bis zur Schinkenstraße waren
es zu Fuß vielleicht 10 Minuten zu gehen. Ich
dachte, seltsam, dass wir auf dieser großen Insel so
nahe bei einander gelandet sind.
Gegen halb sechs machte ich mich auf den Weg und
marschierte los. Nein, viel mehr muss man sagen,
tanzte und hüpfte ich durch die engen Straßen von
Sometimes mit den alten wunderschönen Fincas und den
gepflegten Vorgärten. Die warme Sonne auf meinem
Rücken, das Spiel von Licht und Schatten zwischen
den hohen Palmen. Kurz – ich genoß mein Leben in
vollen Zügen! Ein tiefes Gefühl von Dankbarkeit
begleitete mich.
Bevor ich das neu gebaute vierstöckige Wohnhaus am
Ende der Schinkenstraße betrat, in dem Balendu
vorübergehend wohnte, atmete ich erst noch einige
Male tief und entspannt durch, um mich innerlich zu
sammeln. Von den oberen Balkonen aus kann man
bestimmt das Meer sehen, schwärmte ich. Mein Blick
schweifte die Straße hinunter. Die Schinkenstraße
verläuft schnurgerade, leicht abwärts direkt zum
Meer und ist in ihrem oberen Teil von alten hohen
Platanen eingesäumt. Gar nicht so laut hier wie ich
mir vorgestellt hatte, bemerkte ich jetzt,
eigentümlich still sogar.
Am anderen Ende der Straße sah ich auf ein
wunderschönes altes steinernes Tor durch das einige
Autos kamen, die von hier oben in die Straße
einbogen.
Dann klingelte ich unten an der Eingangstür des
Hauses. Sie stand offen.
„ 4th Floor“, erinnerte ich mich, hatte Balendu
nachmittags am Telefon gesagt.
Ohne abzuwarten ging ich die Treppen hinauf. Auch
die Eingangstür zur Wohnung war bereits geöffnet,
und ich wurde von zwei freundlichen indischen
Augenpaaren begrüßt und hereingebeten.
„My name is Dr. Michael Kosak“, stellte ich mich
kurz vor, „ I come to visit Swamiji Balendu“.
Die beiden indischen Frauen führten mich durch den
Flur zum Wohnzimmer, welches bis auf eine breite
Couch rechts neben dem Kamin vollständig ausgeräumt
war. Vor der Couch stand nur noch ein kleiner
Beistelltisch. Ich schaute durch die Fensterfront
hinaus über die Dächer der anderen Häuser hinweg,
und man konnte von hier oben tatsächlich das
Mittelmeer sehen. Hatte ich mir doch gedacht.
Die jüngere Frau wies mich an, auf dem Fußboden
Platz zu nehmen und einen Augenblick zu warten. Dann
fragte sie mich, ob ich etwas trinken möchte und bot
mir eine Auswahl von verschieden Früchten an. Ich
nahm ein paar Erdnüsse, bedankte mich, und setzte
mich dann im Schneidersitz auf den Boden.
Es klingelte wieder an der Haustür und kurze Zeit
später betraten zwei andere indische Frauen, im
hübschen Sari gekleidet, das Wohnzimmer. Sie grüßten
mich mit freundlichen Gesten und setzten sich dann
ebenfalls zu mir auf den Fußboden. Um es kurz zu
machen. In den nächsten 5 Minuten klingelte es immer
wieder und danach war das Wohnzimmer gefüllt mit
vielleicht zehn bis fünfzehn Inderinnen, und wir
saßen allesamt im Halbkreis um die Couch mit dem
kleinen Beistelltischlein. Ich wunderte mich
darüber, dass gar kein Mann gekommen war und genoss
die Atmosphäre mit soviel weiblicher Präsenz und dem
Klang der indischen Frauenstimmen, die durch den
Raum in meine Ohren drangen.
Dann trat Balendu ins Zimmer. Still, konzentriert,
lächelnd. Unsere Blicke trafen sich nur kurz. Ohne
etwas zu sagen, nahm er auf der Couch Platz. Er
schloss seine Augen,
faltete seine Hände vor dem Gesicht. Seine Lippen
bewegten sich als flüstere er etwas und ich
vermutete, dass er die Anwesenden segnen würde. Die
Frauen hatten mittlerweile aufgehört mit einander zu
sprechen und eine lebendige Stille breitete sich im
Zimmer aus.
Balendu begann etwas auf Hindi zu singen, bewegte
dabei sanft seinen Oberkörper und nach und nach
stimmten auch die Frauen mit ein. Durch die offene
Balkontür drangen Straßengeräusche herauf und in der
Ferne hörte ich Disco-Musik vom Strand. Aber nichts
davon störte mich. Auch die Inderinnen schienen
unberührt davon. Der Gesang wurde allmählich leiser
und hörte dann sanft auf. Balendu begann zu
sprechen.
Natürlich verstand ich kein Wort, da ich kein Hindi
kann. Ich bemerkte aber sofort an dem Feuer in
Balendus Augen eine Kraft, eine Energie, eine
unglaubliche Präsenz und erhöhte Wachsamkeit, wie
ich sie bisher nur in der Gegenwart von Osho in Pune
erlebt hatte.
Der Darshan dauerte vielleicht eine Stunde. Ich weiß
es nicht mehr so genau. Ich hatte längst schon kein
Interesse mehr an der Zeit. Ich war selber wieder in
diesen unbeschreiblich schönen Zustand entspannter
Aufmerksamkeit und fließender Zeitlosigkeit gelangt.
Ich war glücklich.
Am Ende des Darshans überreichten die Frauen Balendu
kleine mitgebrachte Geschenke oder etwas Obst, und
Balendu segnete jede von ihnen, bevor sie den Raum
wieder verließen.
Einen Augenblick lang blieb ich noch still mit
geschlossenen Augen sitzen und ließ die innere
Erfahrung in mir nachklingen. Dann erhob ich mich
langsam und setzte mich neben Balendu auf die Couch.
Er hatte nichts dagegen. Wir sahen uns einfach nur
tief in die Augen.
Mein Blick ging dann zurück in den Raum und traf auf
ein Bild, dass jetzt plötzlich vor mir auf dem
kleinen Beistelltisch stand, eingerahmt in einen
silbrigen Rahmen. Ich erschrak innerlich etwas ohne
zu wissen warum, war aber sofort tief davon berührt
was ich dort erblickte.
Es war das Bild eines Kindes, fast noch eines Babys,
so schien es mir - und so unbeschreiblich schön,
dass ich es gar nicht in Worte fassen konnte.
Erinnerte es mich an etwas? Ich hatte keine Idee.
Ich fragte Balendu:
„Who is that?“
„This is my master“, war seine Antwort.
Außer einem “Wow” war ich nicht mehr im Stande etwas
herauszubringen.
Wir verabschiedeten uns.
„You can come back“ gab er mir mit.
Ich dankte ihm für alles und verließ mit der
Bemerkung „I have your telephonnumber“
verzaubert den Raum.
Auf dem Rückweg in unsere Ferienwohnung schlenderte
ich am Strand entlang. Die lang gezogene Bucht von
Palma eröffnet einen imposanten Blick auf das
Tramuntanagebirge im Osten. Wenn die Sonne sich am
Abend hier an den Bergkuppen bricht erzeugen die
Sonnenstrahlen einen kräftigen orangenen Farbton,
der die Schönheit des Augenblicks verstärkt und sich
in den Gesichtern der Menschen am Strand spiegelt.
In unserem Urlaubszuhause erzählte ich beim
Abendessen dann Andrea und Ravael was ich erlebt
hatte.
Am nächsten Tag riefen wir unsere langjährigen
Freunde Rainer und Regina Franke an. Die beiden
leben schon seit Mitte der 90-ziger Jahre mit ihrer
ganzen Familie in Llucmajor, rund 25 Kilomoter
östlich von Palma. Jedes mal, wenn wir nach Mallorca
fliegen feiern wir zusammen. Einen Anlaß dafür haben
wir bis jetzt immer gefunden.
Nach dem ich ihnen von meinem ersten Treffen mit
Balendu berichtet hatte, waren sie sofort daran
interessiert ihn auch kennenzulernen.
Dienstagnachmittag telefonierte ich wieder mit
Swamiji.
„You can all come together“ lachte er , „come
Wednesday morning 11 o’clock“
“Thank you, we will all come” rief ich ihm zurück
und freute mich auf den nächsten Tag.
Am Mittwochmorgen standen wir alle pünktlich um 11
Uhr vor dem Haus in der Schinkenstraße, die von
vielen, wie ich jetzt besser wusste, zu unrecht
verurteilt wird.
Rainer und Regina hatten noch ihre beiden Kinder
Ramon und Samira mitgebracht. Andrea und Ravael
waren selbstverständlich auch mitgekommen. Die Sonne
schien.
Ein strahlend blauer Himmel verwöhnte uns wieder,
und es lag eine angenehme Frische in der Luft, nach
der die Mallorquiner sich in den heißen
Sommermonaten Juli und August oft zurücksehnen.
Nach der freundlichen Begrüßung durch die Gastgeber
saßen wir „ 7 Pilger“ in dem immer noch bis auf die
Couch leer geräumten Wohnzimmer, als Balendu
liebevoll lächelnd eintrat und uns der Reihe nach
begrüßte.
Er nahm wieder Platz auf der Couch, und nach der
üblichen Vorstellung entwickelte sich ein langes
Gespräch, bei dem jeder über das sprechen konnte,
was er gerade auf dem Herzen hatte.
Nach einiger Zeit fragte Balendu uns, ob er uns noch
einen Video-Film über sich zeigen dürfe, den er aus
Indien mitgebracht habe. Natürlich wollten wir den
sehen!
Im ersten Teil berichtet der Film über die letzten
Tage im September 1997 in Vindraban, bevor Balendu
sich am 10. September 1997 kahl geschoren in eine
Art Höhle in seinem Ashram einmauern ließ, um dort
für mehr als drei Jahre zu meditieren. Damals war er
noch nicht einmal 26 Jahre alt, rechnete ich aus.
Was bringt einen jungen Mann dazu sich für Jahre von
der Welt zurückzuziehen?
Der zweite Teil des Films zeigt das Datum 24.
Dezember 2000. Heilig Abend in Deutschland, war mein
erster Gedanke. Im Film wird gezeigt, wie 3 Jahre
und 4 Monate später eine Wandmauer ein Loch
geschlagen wird, durch welches Balendu wieder ins
normale Leben auf die Erde zurückkehrt.
Wie er das überleben konnte?
Wir sind alle tief bewegt und berührt von diesen
Bildern , die einen Berg von Fragen aufwerfen, die
sich wohl erst in Monaten, vielleicht auch in ihrer
ganzen Tiefe und Bedeutung erst nach Jahren in uns
auflösen werden.
Dann teilt Balendu uns mit, dass er am nächsten Tag,
also Donnerstag, schon nach London abreisen muss.
Wir verabreden uns deshalb zum Abschiednehmen mit
ihm am Flughafen von Palma.
Sebstverständlich sind am nächsten Tag alle „7
Pilger“ wieder pünktlich zur Stelle.
Wie schon auf dem Flughafen in Hamburg fühle ich in
seiner Gegenwart, in der Abflughalle in Palma, eine
tiefe Ruhe und Stille, die mich wach macht und den
gegenwärtigen Augenblick wesentlich lebendiger
durchdringen und auskosten lässt als mein übliches
Tagesbewusstsein es sonst zulässt.
„You can all come visit me India“, verabschiedet
sich Balendu mit einem lachenden Gesicht, das einem
ungewollt Freudentränen in die Augen treten lässt.
„And you can come visit us Germany”, rufe ich ihm
hinter her, als er sich noch einmal kurz umdreht.
Die nächsten Tage vergehen leicht und beschwingt.
Wie immer feiern wir ein Fest mit unseren Freunden
Franke’s. Und na klar! wird auch noch der
mitgebrachte „Veuve Clicquot“, eisgekühlt aufgemacht
und serviert.
Dann geht es wieder zurück nach Deutschland.
Einige Tage nachdem wir wieder Zuhause in Lüneburg
angekommen waren, fiel mir die Weihnachtskarte, die
am 24. Dezember 2000 in unsrem Briefkasten lag,
erneut in die Hände. Ich schaute sie mir noch einmal
genau an. Das Gesicht von einem der beiden indischen
Gottheiten sieht so ähnlich aus wie das Gesicht auf
dem Bild, das vor Balendu auf dem Beistelltisch
stand, sage ich vor mich hin. Nur die Figur war
deutlich älter.
Ich drehte die Karte um. Auf der anderen Seite stand
etwas von Shri Ram.
Hatte Balendu nicht so einen ähnlich klingenden
Namen gesagt, als ich ihn nach dem Bild auf dem
Beistelltischfragte?
Und wann war er noch mal aus seiner Höhle
zurückgekehrt?
Das war doch auch am 24. Dezember 2000 !!!
Ich merkte, wie ein Adrenlin-Auswurf meinen Puls
beschläunigte. Ein seltsames Gefühl stieg in mir
auf. Eine Vermutung, ein Verdacht, eine Vorahnung.
Ein Staunen über mögliche Zusammenhänge, die der
Alltagsverstand energisch abwehrt und zurückweist.
Konnte das, was mir blitzartig in den Sinn kam
möglich sein?
Einige Monate später klingelte bei uns Zuhause das
Telefon. Es war bereits Anfang November 2001.
„ I can come Lüneburg?“, hörte ich eine
unverwechselbare Stimme am anderen Ende der Leitung
fragen. Es war natürlich Balendu.
„No question!“ antwortete ich und freute mich auf
„mein zweites Date mit Balendu“.
www.praxis-dr-kosak.de
|