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Leben pur
- By Andrea Kleindienst
- Published 9 August 2008
- Indien - eine Erfahrung
- Unrated
Rechtzeitig zu Beginn des indischen Frühlings durfte ich in diesem Jahr einige Wochen in Swami Balendu jis Ashram in Vrindavan verbringen. Mitgebracht habe ich einen Reichtum an wunderbaren Erlebnissen und Erfahrungen.
Am tiefsten hat mich die Familie Swami jis beeindruckt. Großmutter, Mutter, Vater und Söhne kommen sich mit größter gegenseitiger Achtung und Liebe entgegen, wie ich es noch nie in einer westlichen Familie erlebt habe. Dabei wird kein großes Aufhebens um den einen oder anderen gemacht. Mangeldenken, Sorge oder Angst sind keine Themen. Der Augenblick wird in aller Selbstverständlichkeit akzeptiert und das Positive, Freudige stets hervorgehoben. Spaß und Lachen haben absoluten Vorrang, es wird gelebt.
Ich wurde ganz natürlich aufgenommen, spielte als Gast keine Sonderrolle und wurde mit Liebe und dem gleichen Respekt behandelt wie alle anderen. Im Ashram übernimmt man gezwungenermaßen Verantwortung für sich selbst. Keiner läuft hinterher um zu fragen, ob man dieses oder jenes braucht. Hier sagt man, was man will, dann wird in Freude das Beste getan um es zu ermöglichen.
Da kommen schon mal die alten Muster wieder hoch, zum Beispiel das, welches allen Menschen hier im Westen zu schaffen macht: Das mangelnde Selbstwertgefühl! Die tief sitzende Überzeugung, die sich vielleicht schon im Mutterleib einer überforderten Frau gebildet hat: „Ich bin es nicht wert geliebt zu werden!“ Wer sich an einem so hoch bewussten Ort wie dem Ashram Swami jis aufhält, erlebt eine Durchflutung des Energiekörpers auf höchster Frequenz. Alle hinderlichen Überzeugungen, alle verdrängten Schmerzen und Verletzungen, die nun zur Bearbeitung und Heilung anstehen, nach oben bringt. Gleichzeitig ist man eingebettet in bedingungslose Liebe. In diesem geschützten Rahmen ist es gut möglich, die eigenen Schatten an die Oberfläche kommen und in Akzeptanz gehen zu lassen. Ein Ort der Heilung.
Der Ashram Sri Bindu Sewa Sansthan ist eine Oase des Friedens und der Liebe, nicht auf rosa Wolken, sondern mitten im indischen Alltag. Auch hier müssen die Menschen ihr Leben regeln, Geld muss aufgebracht werden, um all das Gute in die Wege bringen zu können wie den Unterricht und das Mittagessen der Kinder im Kindergarten oder das Lehrmaterial und die Kleidung für hundert Schulkinder. Doch wie gesagt wird alles in Liebe und Freude bewältigt.
So durfte ich auch das alljährliche einwöchige Fest der Lebensfreude, Holi, mitfeiern. Es beginnt am 15. März mit einer stundenlangen Prozession von tausenden Menschen auf dem Pilgerweg rund um Vrindavan, dem Parikrama Marg. Musik und Gesang sind Tag und Nacht in der ganzen Stadt zu hören. Farbpulver wird geworfen und lustige Streiche werden gespielt, die niemanden schädigen oder verletzen. Natürlich ist es angesagt, alte oder billige Kleidung zu tragen, die bunte Farbflecken davontragen darf.
Im Haupttempel der Stadt erlebte ich eine Freude am Leben wie niemals zuvor. Mit etwas gemischten Gefühlen hatte ich mich mit Swami ji, Freunden, Gästen und Familienmitgliedern auf den Weg gemacht. Wusste ich ja nicht wirklich, was da auf uns zukommt. In der Tempelumgebung wurden wir bereits kräftig mit Wasser bespritzt, das erfreulicherweise noch warm war, denn darin wurden Rosenblüten abgekocht. Diese waren dann auch in einer dicken Schicht unter den Füßen zu spüren, als wir barfuß den Tempel betraten. Viele Menschen drängten hinein und drinnen herrschte kindliche Ausgelassenheit. Pulver in allen Farben wurde geworfen und dazu warmes Wasser aus Kübeln verteilt. Als Europäer fällt man unter den indischen Menschen auf, doch erlebte ich nur Freundlichkeit und pures Einssein. Man gab mir Farbpulver zum Werfen in die Hände, auch eine grün glitzernde Kostbarkeit, die mit einigen Tropfen Wasser tief violett wurde und die auch auf den dunkleren indischen Gesichtern leuchtete, die ich voller Vergnügen einreiben durfte! Auch mein Gesicht wurde bunt beschmiert, indische Frauen berührten mich oft voller Liebe und tiefer Freude an den Wangen. Ich fühlte mich angenommen und geliebt, vollkommen eins mit all diesen Menschen.
Das Holifest gipfelte am 22. März in einer Farbenschlacht, die wir uns im Ashramgarten lieferten. Zum Schutz für die Haut ölten wir uns zuvor ein und verteilten noch eine dicke Schicht Erdschlamm darüber, auch im Gesicht und auf den Haaren. Dann ging es ab in die gnadenlose Spritzerei mit großen Wasserspritzen und auch kleineren Kübeln, die öfter auch mal über den Köpfen geleert wurden. Farbwolken in grün, gelb und pink waberten über den Rasen. Erwachsene und Kinder hatten ausgelassenen Spaß im Farbenwahnsinn! Zur Erinnerung sind mir einige pinkfarbene Haarsträhnen geblieben, die mich im sorgenvollen Deutschland an meine Lebensfreude erinnern.
Ich habe viel gelernt in diesen Wochen, über die Unterschiede in unseren Kulturen, über das Herz und den Verstand und ganz viel über mich selbst, wer ich sein will und was ich leben möchte. Man kann Berichte lesen und Reportagen im Fernsehen wirken lassen, doch wer wirklich wissen will, was das Besondere an Indien ist, muss es erleben.


