Swami Balendu e.V. primary school
Zu Swami ji’s interessantem Tagebuch Eintrag über die Lehrer-Schüler Beziehung möchte ich aus westlicher Sicht und aus meiner, über 30 jährigen Erfahrung als engagierter Lehrer folgende persönliche Ueberlegungen anstellen.

Ich stimme Swami ji’s Vorstellungen über die Verbindung zwischen Lehrer und Schüler völlig zu. Ein Gurukul wäre das Ideal. Wenn ich Swami ji recht verstanden habe, gehört diese wunderbare Form der Erziehung im heutigen Indien leider der Vergangenheit an. Das ist schade. So ändern sich die Zeiten. Ein solches Modell ist allemal erstrebenswert, ist aber bei uns, zumindest zum jetzigen Zeitpunkt, unvorstellbar. Das mag man bedauern, ist auch bedauerlich, aus einer Vielzahl von Gründen jedoch undenkbar.

In erster Linie würde ein solches Projekt an der Mentalität sowohl der Schüler als auch der Lehrer scheitern. In unserer materialistisch ausgerichteten Gesellschaft sind weder die einen noch die andern bereit, entsprechende Opfer zu bringen. Viele Schüler gehen nur ungern zur Schule, für die meisten ist es eine lästige Pflicht, Der Lehrer wird als eine Art Peiniger angesehen, der sie zwingt etwas zu tun, das sie eigentlich nicht tun möchten: lernen. Sie haben also eine völlig falsche Einstellung und Vorstellung. Als Opfer unserer Spassgesellschaft sehen sie nicht ein, weshalb sie etwas tun sollten was keinen Spass macht.

Da spielen natürlich das Elternhaus und die Erziehung eine entscheidende Rolle. Viele sind, als so genannte Schlüsselkinder, sich selbst überlassen und überfordert. Zu Hause fehlt es oft an dem nötigen Interesse, weil jeder zu sehr mit sich beschäftigt ist. Dazu kommt ein Ueberangebot an Ablenkungsmöglich-keiten: Fernsehen, Fernsehspiele, Computer, Computerspiele. Es ist verrückt wie viele Kinder ihre Freizeit vor dem Bildschirm verbringen, anstatt einer sinnvollen Beschäftigung nachzugehen, ein Buch zu lesen oder Sport zu treiben. Mangels Kontrolle werden die Hausaufgaben nebenbei erledigt oder überhaupt nicht gemacht. Nicht selten kommen besonders die Jugendlichen, vornehmlich montags, unausgeschlafen zur Schule, weil sie sich übers Wochenende die Nächte in Discos um die Ohren geschlagen haben.

Viele sehen, dass der Vater beziehungsweise beide Elternteile keine Befriedigung in ihrem Beruf finden. Andere müssen mit ansehen, wie das Familienoberhaupt arbeitslos ist und sie deswegen dann auch noch von ihren Mitschülern in eine Ausserseiterrolle gedrängt werden. Dann sind da diese Perspektivlosigkeit, diese Hoffnungslosigkeit, diese Angst vor der ungewissen Zukunft, dieser Mangel an Vertrauen.

Auf der anderen Seite gibt es die Sprösslinge aus wohlhabenden Familien, denen es rein materiell an nichts fehlt, es sei denn an der erforderlichen Motivation. Sie leben im Ueberfluss, keiner ihrer Wünsche bleibt unerfüllt. Sie sind satt! Wozu sich also anstrengen, wo sie doch eh schon mehr haben als sie brauchen?

Viele unserer Kinder leiden unter der Belastung zerrütteter Familienverhältnisse, mit der sie nicht klarkommen und die sie überfordert.

Da spielen so viele gesellschaftlich bedingte Faktoren mit, die sich negativ auf die schulischen Leistungen der Kinder auswirken. Opfer sind immer in erster Linie die Kinder.

In der Schule selbst liegt vieles im Argen. Die Klasseneffektive stossen oft an die Grenzen des Zumutbaren, hoffnungslos überfüllte Klassensäle stehen auf der Tagesordnung. Die Lernprogramme und Lehrmethoden sind in vielen Fällen überholt. Nicht selten sind die Kids in Sachen Informatik den Lehrern um mehrere Nasenlängen voraus. Das didaktische Material ist oftmals veraltet, entspricht nicht den Erfordernissen unserer Zeit. Dies alles trägt natürlich keineswegs dazu bei, die Arbeit der Lehrer zu erleichtern. Obwohl ich der Meinung bin, dass ein wirklich guter Lehrer mit einem Minimum an technischem Gerät auskommen kann: eine Wandtafel, ein Stück Kreide und eine Weltkarte dürften notfalls ausreichen. Viel wichtiger sind die fachliche Kompetenz, der persönliche Einsatz und die Begeisterungsfähigkeit des Lehrers.

Der Lehrer ( und damit ist auch jedes Mal die Lehrerin gemeint ) hat eine Vorbildfunktion, er vermittelt nicht nur Wissen, sondern ist gleichzeitig auch Erzieher. Lehrer ist eine Berufung, diesen Beruf wählst du nicht des Geldes oder der vielen Freizeit wegen, das wären die falschen Voraussetzungen. Es ist ein Metier, das Liebe, Fingerspitzengefühl, Einfühlungsvermögen und Idealismus erfordert. Du musst bereit sein, einen Teil von dir zu geben. Entweder du bist Lehrer mit Leib und Seele oder du bist kein Lehrer. Dieser Beruf kennt keine Halbherzigkeiten, er ist mit sehr viel Verantwortung verbunden, schliesslich steht die Zukunft unserer Kinder auf dem Spiel und damit letztendlich unsere eigene Zukunft. Da werden dir junge Menschen anvertraut, denen du nicht nur Wissen sondern auch Werte vermitteln sollst, unabhängig vom Lehrplan. Aufgabe der Schule ist es, zumindest nach meiner Auffassung, die Heranwachsenden aufs Leben vorzubereiten, sie zu mündigen, kritischen und verantwortungsvollen Bürgern zu erziehen. Da dieser Aspekt, erfahrungsgemäss, leider in manchen Familien vernachlässigt wird, muss notgedrungen die Schule diese Lücke füllen.

Der Lehrer sollte in sich ruhen, ausgeglichen und mit sich im reinen sein, um auf die Bedürfnisse seiner Schützlinge eingehen zu können. Er ist auch Mentor, Wegbereiter, Wegbegleiter und Berater. Allem voran besteht seine Aufgabe darin, den Schülern Wissen zu vermitteln, dieses Wissen auf Grund von Aufgaben und Prüfungen zu testen und zu bewerten. Die Benotung der Arbeiten stösst in den meisten Fällen auf Unverständnis und Widerstand bei den Schülern. Sie können nicht begreifen, wieso der doch ansonsten so nette Lehrer ihre Leistung als unzureichend oder ungenügend einstuft. Für den Lehrer ist es eine Art Seiltanz, eine permanente Gratwanderung, den Unterricht möglichst unterhaltsam und interessant zu gestalten, um die Schüler zu motivieren aber gleichzeitig objektiv und manchmal streng durchzugreifen.

Eine freundschaftliche Lehrer-Schüler Beziehung kann es insofern nicht geben, da der Schüler dies falsch interpretieren würde. Sie ist eher väterlicher Natur, auf Liebe, Verständnis und Respekt beruhend. Der Lehrer muss authentisch sein, , glaubwürdig, ehrlich, gerecht und konsequent, nur dann ist er vertrauenswürdig. Er muss auch Fehler zugeben können, denn er ist nicht allwissend, und sich gegebenenfalls für sein Fehlverhalten entschuldigen,

Der Lehrerberuf ist ein schöner und verantwortungsvoller Beruf, manchmal sehr anstrengend, aber mit jeder Menge Genugtuung verbunden.

Anlässlich einer meiner Aufenthalte in Indien und nach dem Besuch einer, von Swami ji unterstützten Schule, meinte ich:“ Ich wünsche mir, in einem nächsten Leben als Lehrer in Indien wiedergeboren zu werden“. So sehr war ich von dem Wissensdurst, der Motivation und der Disziplin der Kinder beeindruckt, die dankbar sind überhaupt in die Schule gehen zu können.