Eines der heutzutage am meisten inflationistisch gebrauchten Wörter, hier im Westen, ist Spiritualität und alles was damit zusammenhängt. Spirituell sein ist in. Spiritualität hat Hochkonjunktur. Kaum ein Begriff wird so strapaziert, missverstanden und missbraucht. Inzwischen ist, in unserer materiell ausgerichteten Konsumgesellschaft, Spiritualität zu einer Ware geworden, die auf dem freien Markt oft von Gauklern und selbsternannten möchte gern Meistern angeboten wird. Scharenweise gehen Bedürftige, Heilsuchende und nach Erleuchtung Strebende ihnen auf den Leim. Es wird bis zum Umfallen, in allen Stellungen, meditiert und es muss möglichst etwas Besonders dabei erlebt werden.

Immer, wenn ich Angebote, Anleitungen zum Meditieren lese oder über tolle Erlebnisberichte staune, muss ich an meinen Grossvater denken. Er war ein schlichter Mann, ein ungebildeter Arbeiter, ein unauffälliger, stiller Zeitgenosse, rechtschaffen, pflichtbewusst, hilfsbereit und zuverlässig. Er war kein grosser Kirchgänger, hatte mit Religion nicht viel am Hut, äusserte sich zumindest nie dazu und der Begriff Spiritualität gehörte nicht zu seinem sowieso beschränkten Wortschatz. Und doch würde ich behaupten, dass er, unbewusst, ein spiritueller Mensch war. Er redete nicht, er handelte. Er tat, was er zu tun hatte, das was ihm vom Leben aufgetragen und abverlangt wurde. Nie habe ich ihn klagen oder mit dem Schicksal hadern gehört. In allen Lebenslagen blieb er gleichmütig. Der Grund für diese Gelassenheit liegt, aller Wahrscheinlichkeit nach, zu einem grossen Teil in der Meditation. Obwohl dieses Wort ihm völlig fremd war. Nach getaner Arbeit, verweilte er oft stundenlang, in sich gekehrt, in absoluter Stille. Im Sommer draussen, unter dem Schatten spendenden Apfelbaum, an den langen Winterabenden, in der Stube neben dem Holzofen. Gerne sah ich ihm bei der Gartenarbeit zu, die er voller Hingabe verrichtete, ohne sich von irgendjemandem oder irgendetwas ablenken zu lassen. Auch eine Art Meditation.

Und solche oder ähnliche Beispiele gab es in früheren Zeiten zuhauf: der Bauer beim Bestellen seiner Felder, der Korbmacher beim Flechten der Körbe, der Schneider oder die Näherin beim Kleiderherstellen, der Tischler bei der Holzverarbeitung und dergleichen mehr. Alles einfache Leute, die auf eine natürliche und unauffällige Art, auf ihre Weise, während der Arbeit, meditierten.

Heutzutage wird Meditation verkauft und ist zu einem lukrativen Geschäft geworden. Heute braucht man dazu Lehrer oder gescheite Bücher mit komplizierten Gebrauchsanweisungen. Anleitungen um in die Stille zu gehen? Dazu bedarf es dann noch einer speziellen Musik und einer besonderen Atmosphäre.

In Indien redet man nicht über Spiritualität, man lebt sie! So gesehen, war mein Grossvater ein Inder.