Swami ji’s Satsang über das Zeigen der Gefühle hat mich zu den nachfolgenden Ueberlegungen angeregt.

Lange Zeit war es in unserem Kulturkreis und in unserer Gesellschaft verpönt, Gefühle zu zeigen, nach dem Motto „ Wie’s drinnen aussieht, geht niemanden was an“. Meine Generation und vor allem die meiner Vorfahren sind in dem Irrglauben erzogen worden, dass das Zeigen von Gefühlen ein Zeichen von Schwäche sei. Für diese falsche Vorstellung gibt es, nüchtern betrachtet, plausible Erklärungen. Früher waren die Zeiten wesentlich rauer als heute. Die meisten Menschen mussten körperlich hart arbeiten um überhaupt zu überleben. In den Grossfamilien, die nicht selten bis zu 10 Kindern zählten, hatten die Eltern nicht die Zeit sich jedem einzelnen zu widmen. Es gab weder körperliche noch emotionale Nähe. Allein der Umstand, dass die Kinder die Eltern siezten, schuf eine grosse Distanz. Es gab keinen Austausch von Erfahrungen und Erlebtem, geschweige von Zärtlichkeiten. Es wurde sich nicht mitgeteilt. Jeder lebte für sich und versuchte allein klarzukommen. Es herrschte das Faustrecht, das Gesetz des Stärkeren. Die wenigsten waren sich ihrer Gefühle überhaupt bewusst. Sie zu zeigen war auch mit Risiken verbunden, weil man sich preisgab,  Also hat man sich mit einem Schutzschild umgeben, sich einen Panzer zugelegt. Gefühle zeigen heisst verletzbar zu sein. Wenn man sich öffnet, läuft man Gefahr sich auszuliefern, seinem Gegenüber eine Angriffsfläche zu bieten. Viele Menschen haben diese Erfahrung gemacht und machen sie immer noch, Sie werden vorsichtig. Es stellt sich Misstrauen ein. Das fängt oft schon in der Schule an, wo Kinder, wenn sie vor Schmerz, Trauer, Enttäuschung und Freude weinen, von ihren Mitschülern ausgelacht und gehänselt werden. Vor Gefühlsausbrüchen wird gewarnt, etwa wenn der Vater den Sohn auffordert Haltung zu bewahren. Knaben weinen nicht. Tränen sind eines Mannes unwürdig. Wer will schon als Heulsuse beschimpft werden. Du musst stark sein, ein ganzer Kerl. Nur so kannst du dir Respekt verschaffen. Es heisst auf die Zähne beissen und durch. Ein Mann ist wie ein Fels in der Brandung, unerschütterlich. Da geht von kämpfen die Rede, von durchhalten, von Ehre, von sich am Riemen reissen. Eine solche Haltung ist sicherlich in vielen Lebenslagen nützlich und vonnöten, um sich in dieser Ellbogengesellschaft behaupten zu können. Mit Sicherheit ist es aber falsch und ungesund, Gefühle wie Freude, Trauer, Wut und Enttäuschung zu unterdrücken. Gewiss ist Vorsicht angebracht, wem man sich anvertraut, wem man sein Herz öffnet, denn nicht jeder ist vertrauenswürdig und es wird immer Menschen geben, die es als Schwäche ansehen und diese Offenheit schamlos ausnutzen. Drum prüfe, wem du dich offenbarst. Wer seine Gefühle jedoch versteckt, ist in Wirklichkeit schwach, weil er sich verleugnet.

Trotz vieler schmerzhafter Erfahrungen  bin ich persönlich überzeugt, dass es sich lohnt zu seinen Gefühlen zu stehen und sie zu zeigen, ohne sie deshalb grossartig zur Schau zu stellen. Ich bin deshalb davon überzeugt, weil ich auch sehr positive Erfahrungen gemacht habe und immer noch mache, die mich ermutigen zu zeigen was ich fühle. Eine der schönsten Erfahrungen ist die Begegnung mit Swami ji und die daraus entstandene einmalige Freundschaft.

Uebrigens ist wissenschaftlich bewiesen, dass die chemische Zusammensetzung der echten Tränen eine andere ist als bei denen, durch das Schälen einer Zwiebel hervorgerufenen.