Da liegt er nun, hingestreckt in seiner ganzen Länge, mein Freund, der Baum. Von einer Windboe entwurzelt. So manchen Stürmen  hat er getrotzt, sich ihnen entgegengestemmt. War es Altersschwäche oder war er überfordert oder war er ganz einfach müde ? Erschöpft sieht er aus, kraftlos, abgekämpft und überrascht. Jäh war sein Ende, wie ein Blitz aus heiterem Himmel hat es ihn getroffen. Lautlos ist er umgekippt, ohne ein Stöhnen. Seinen Stolz hat er bis zum Schluss bewahrt.

Und so stehe ich da, lieber Freund, fassungslos und traurig. Und erinnere mich.

Weisst du noch als ich dich gepflanzt habe ? Fast vierzig Jahre ist es her. Beide waren wir gleich gross. Es war ein heisser Sommer. Du hast sehr unter der Trockenheit gelitten und brauchtest viel Pflege. Beinahe hättest du nicht überlebt. Aber dann bist du doch gediehen und zu einer stattlichen Fichte herangewachsen, an der ich meine Freude hatte.

Im Sommer ruhte ich in deinem wohligen Schatten  und ergötzte mich am Gesang der Vögel, die du bei dir aufgenommen hattest und die an frostigen Tagen Schutz bei dir suchten. Zur Weihnachtszeit warst du, in deinem weissen Winterkleid, der schönste Christbaum weit und breit. Dann war ich mächtig stolz auf dich.

Es verging kaum ein Tag, an dem wir uns nicht begrüsst hätten, jeder auf seine Art. Stumm aber liebevoll. Ich bewunderte deinen geraden Wuchs und war beeindruckt von der Würde die du ausstrahltest. Da war kein Protz, keine  Ueberheblichleit, eine ganz natürliche, dezente Vornehmheit.

Du hast gegeben ohne zu fordern, durch deine alleinige Gegenwart.

Nun liegst du da und ich stehe neben dir, hilflos und betrübt.

Mir ist, als hörte ich eine leise Stimme : » Sei nicht traurig, mein Freund. Wir hatten eine schöne Zeit zusammen. Meine Zeit ist abgelaufen. Ich habe sie genossen. Ich bereue nichts. Du aber sollst weiterleben und dich des Lebens erfreuen. Nimm einen Zapfen von mir und grabe ihn in die Erde. Deine Kinder und Enkelkinder werden sich an meinem Nachkommen erfreuen. »

Ueber uns kreisen ein paar Vögel, stumm und ratlos wie es scheint, denn sie vermissen ihn bereits, unseren Freund, den Baum.